Nachhaltigkeit

11/01/2026

Nachhaltige Events ohne Greenwashing: Warum kleine Schritte mehr bewirken als große Versprechen

Nachhaltigkeit im Eventbereich ist weit mehr als Mülltrennung und CO₂-Kompensation. Chris Kaiser, Gründer und CEO von Click A Tree, spricht darüber, warum soziale Verantwortung genauso wichtig ist wie ökologische Wirkung, wie Veranstalter Greenwashing vermeiden und weshalb niemand auf die perfekte Lösung warten sollte.

Inhaltsverzeichnis

Interview mit Chris Kaiser, Gründer und CEO von Click A Tree

Der Baum als älteste Eventlocation der Welt

Man könnte sagen, dass der Baum die älteste Eventlocation der Welt ist. Er spendet Schatten, kühlt seine Umgebung und schafft einen natürlichen Raum für Begegnungen. Schon lange bevor Menschen Tagungsräume, Festivalgelände oder Veranstaltungshallen bauten, kamen sie unter Bäumen zusammen.

Für Chris Kaiser ist der Baum deshalb mehr als ein Symbol für Umwelt- und Klimaschutz. Er steht auch für Gemeinschaft, Lebensraum und langfristige Entwicklung. Mit Click A Tree unterstützt er Unternehmen dabei, Nachhaltigkeit einfach in bestehende Abläufe zu integrieren und die daraus entstehende Wirkung nachvollziehbar zu machen.

Im Interview erklärt er, warum nachhaltige Events nicht mit großen Versprechen beginnen müssen, wie Veranstalter glaubwürdig über ihre Maßnahmen sprechen und weshalb ein kleiner umgesetzter Schritt wertvoller sein kann als ein perfektes Konzept, das niemals Realität wird.

„Events können sehr viel Wirkung erzeugen“

Andrea Matthews: Chris, du beschreibst Bäume sinngemäß als natürliche Meetingräume. Was hat dieses Bild für dich mit der Eventbranche zu tun?

Chris Kaiser: Ein Baum bringt vieles zusammen, worum es auch bei Veranstaltungen geht. Er schafft einen Ort, an dem Menschen sich treffen können. Er spendet Schatten, kühlt seine Umgebung und bietet Lebensraum. Gerade bei Outdoor-Events oder Festivals wird sehr schnell deutlich, welchen praktischen Wert Natur für eine Veranstaltung haben kann. Für mich ist der Baum deshalb ein schönes Bild dafür, dass Nachhaltigkeit nicht neben einem Event stattfinden muss. Sie kann ein selbstverständlicher Teil davon sein.

Andrea Matthews: Warum ist ausgerechnet die Eventbranche für euch ein wichtiges Handlungsfeld?

Chris Kaiser: Events können sehr viel Wirkung erzeugen. Natürlich entstehen durch Anreise, Energieverbrauch, Catering, Material und Logistik auch Emissionen. Gleichzeitig bringen Veranstaltungen Menschen zusammen. Sie schaffen echte Begegnungen und können Themen auf eine Weise erlebbar machen, die über digitale Kommunikation kaum möglich ist. Einsamkeit ist ein großes Thema in der heutigen Gesellschaft. Events bringen Menschen zusammen, schaffen gemeinsame Erlebnisse und gehören zu einer gesunden Gesellschaft dazu.

Ich mag außerdem die Mentalität der Branche. Sie ist häufig persönlich, pragmatisch und lösungsorientiert. Wenn eine Idee sinnvoll ist und sich einfach umsetzen lässt, wird sie oft sehr schnell ausprobiert. Genau darin liegt eine große Chance.

Nachhaltigkeit endet nicht beim CO₂-Ausstoß

Andrea Matthews: Beim Begriff Nachhaltigkeit denken viele zuerst an Klimaschutz. Warum greift das aus deiner Sicht zu kurz?

Chris Kaiser: Weil Nachhaltigkeit immer mehrere Seiten hat. Die ökologische Wirkung ist wichtig, aber soziale und wirtschaftliche Aspekte gehören genauso dazu. Ein Projekt ist für mich nicht ganzheitlich nachhaltig, wenn irgendwo möglichst günstig Bäume gepflanzt werden, während die Menschen vor Ort nicht fair bezahlt werden oder keine langfristige Perspektive erhalten.

Bei unseren Projekten geht es deshalb nicht allein um die Anzahl der gepflanzten Bäume. Es geht auch darum, Arbeitsplätze und Einkommen zu schaffen, Wissen zu vermitteln und Lebensräume aufzubauen. Eine Maßnahme muss für die Umwelt und für die beteiligten Menschen funktionieren. Langfristig muss sie außerdem wirtschaftlich tragfähig sein. Sonst verschwindet sie häufig wieder, sobald das Budget knapper wird.

Andrea Matthews: Können Veranstaltungen selbst einen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit leisten?

Chris Kaiser: Auf jeden Fall. Veranstaltungen bringen Menschen im echten Leben zusammen. Gerade in einer Zeit, in der ein großer Teil unserer Kommunikation digital stattfindet, ist dieser persönliche Austausch enorm wertvoll.

Soziale Nachhaltigkeit zeigt sich aber auch im Umgang mit den Menschen, die ein Event möglich machen. Das können sehr kleine Dinge sein. Warum wird am Buffet nicht genannt, wer das Essen zubereitet hat? Die namentliche Erwähnung des Küchenpersonals kostet fast nichts, schafft aber Sichtbarkeit und Wertschätzung. Nachhaltigkeit besteht nicht nur aus den großen Maßnahmen. Sie zeigt sich auch in solchen Entscheidungen.

Der erste Schritt muss nicht perfekt sein

Andrea Matthews: Viele Veranstalter möchten nachhaltiger werden, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Was rätst du ihnen?

Chris Kaiser: Nicht mit dem Anspruch starten, sofort das komplette Event perfekt nachhaltig zu gestalten. Dieser Anspruch führt oft dazu, dass am Ende gar nichts passiert. Sinnvoller ist es, eine konkrete Maßnahme auszuwählen, die zum jeweiligen Event und zu den bestehenden Abläufen passt.

Ein möglicher Einstieg kann sein, pro verkauftem Ticket oder pro teilnehmender Person einen Baum zu pflanzen. Die Kosten lassen sich direkt in den Ticketpreis integrieren oder als freiwilliges Upgrade anbieten. Dadurch entsteht ein klarer Zusammenhang zwischen dem Event und der Maßnahme. Gleichzeitig haben die Veranstalter später die Möglichkeit, die Teilnehmenden über die Entwicklung des Projekts zu informieren. So bleibt das Engagement auch nach der Veranstaltung sichtbar. Man kann als Veranstalter so über die Lebensdauer des Baumes mit den Besuchern in Kontakt bleiben.

Andrea Matthews: Ein Baum pro Gast klingt einfach. Kann eine solche Maßnahme nicht schnell wie ein moderner Ablasshandel wirken?

Chris Kaiser: Das hängt stark davon ab, wie darüber gesprochen wird. Ein gepflanzter Baum ist kein Freifahrtschein und macht eine Veranstaltung nicht automatisch klimaneutral. Problematisch wird es, wenn die Kommunikation eine größere Wirkung verspricht, als die Maßnahme tatsächlich hat.

Veranstalter sollten deshalb konkret sagen, was sie tun. Zum Beispiel: Für diese Veranstaltung finanzieren wir eine bestimmte Anzahl von Bäumen und unterstützen damit ein klar benanntes Projekt. Das ist nachvollziehbar. Die Baumpflanzung kann ein guter erster Baustein sein, sollte aber nicht als Lösung für sämtliche Auswirkungen eines Events dargestellt werden.

Glaubwürdigkeit statt großer Klimaversprechen

Andrea Matthews: Und damit kommen wir zu einem sehr heiklen Punkt. Wo beginnt für dich Greenwashing?

Chris Kaiser: Greenwashing beginnt für mich dort, wo Behauptungen größer werden als die tatsächliche Wirkung. Pauschal zu sagen, ein Unternehmen oder eine Veranstaltung sei klimaneutral, halte ich deshalb für schwierig. Hinter solchen Aussagen stecken komplexe Berechnungen und sehr unterschiedliche Formen der Kompensation. Für Außenstehende ist oft kaum nachvollziehbar, was genau damit gemeint ist.

Glaubwürdiger ist eine offene Kommunikation. Ein Unternehmen kann sagen: Wir stehen noch am Anfang, wir lernen und wir setzen gerade diese konkrete Maßnahme um. Niemand erwartet, dass von heute auf morgen alles perfekt ist. Menschen merken aber sehr schnell, ob ehrlich über Fortschritte und Grenzen gesprochen wird.

Andrea Matthews: Wie lässt sich die Wirkung einer Maßnahme belegen, ohne wieder bei großen Werbeversprechen zu landen?

Chris Kaiser: Mit konkreten Daten. Unsere Partner erhalten Zugang zu einem Impact Dashboard. Dort können sie je nach Projekt unter anderem nachvollziehen, wie viele Bäume gepflanzt wurden, welche CO₂-Werte damit verbunden sind, wie viel Lebensraum geschützt wird und welche Arbeitszeit oder Beschäftigung dadurch entsteht.

Das erleichtert auch die Kommunikation. Veranstalter müssen nicht mit unklaren Begriffen arbeiten, sondern können zeigen, was tatsächlich umgesetzt wurde. Transparenz bedeutet dabei nicht, nur möglichst große Zahlen zu präsentieren. Es bedeutet auch zu erklären, wie diese Zahlen zustande kommen und was sie aussagen.

Nicht jeder gepflanzte Baum erzeugt dieselbe Wirkung

Andrea Matthews: Ihr lehnt Monokulturen ab. Warum ist die Art der Pflanzung so entscheidend?

Chris Kaiser: Weil es nicht ausreicht, irgendwo möglichst viele Bäume in Reihen zu setzen. Monokulturen sind ökologisch anfälliger und schaffen nicht den vielfältigen Lebensraum, den ein funktionierendes Ökosystem braucht. Unser Ziel sind artenreiche Mischwälder und langfristig stabile Strukturen.

Dazu gehört auch, dass Bäume nicht nur gepflanzt, sondern gepflegt werden. Die Menschen vor Ort kennen die Böden, die klimatischen Bedingungen und die heimischen Arten. Ihre Arbeit und ihr Wissen sind ein wesentlicher Teil des Projekts. Genau deshalb gehören faire Bezahlung und langfristige Beschäftigung für uns unmittelbar zur angestrebten Wirkung - sowohl aus sozialer als auch aus ökologischer Perspektive.

Zertifizierungen schaffen Vertrauen, ersetzen aber keine Transparenz

Andrea Matthews: Welche Bedeutung haben Zertifizierungen für die Glaubwürdigkeit eines Nachhaltigkeitsprojekts?

Chris Kaiser: Ganz ehrlich: Der administrative Teil von Zertifizierungen gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsaufgaben. Für Unternehmen sind unabhängige Prüfungen aber wichtig. Gerade größere Partner müssen nachvollziehen können, nach welchen Standards gearbeitet wird und welche Nachweise vorhanden sind.

Die B-Corp-Zertifizierung schafft hier Vertrauen, weil nicht nur einzelne Umweltmaßnahmen betrachtet werden. Auch soziale Verantwortung, Unternehmensführung und Transparenz spielen eine Rolle. Trotzdem ersetzt kein Zertifikat die konkrete Auseinandersetzung mit einem Projekt. Unternehmen sollten weiterhin fragen, was vor Ort passiert, wer profitiert und wie die Wirkung belegt wird.

Andrea Matthews: Nachhaltigkeit wird häufig zuerst als zusätzlicher Kostenpunkt wahrgenommen. Kann sie für Veranstalter auch wirtschaftlich interessant sein?

Chris Kaiser: Nachhaltigkeit muss wirtschaftlich funktionieren, wenn sie langfristig Bestandteil eines Angebots werden soll. Deshalb bieten wir ein Modell an, bei dem Veranstalter mit zehn Prozent an den Einnahmen aus Nachhaltigkeits-Upgrades beteiligt werden. So entsteht nicht nur ökologische und soziale Wirkung. Die Veranstalter erhalten auch einen wirtschaftlichen Anreiz, nachhaltige Optionen aktiv in ihr Angebot zu integrieren.

Catering ist einer der größten Hebel

Andrea Matthews: Wenn Veranstalter möglichst viel bewirken möchten, an welcher Stelle lohnt es sich besonders hinzusehen?

Chris Kaiser: Die Verpflegung ist bei vielen Events ein sehr großer Hebel. Bei mehreren Hundert oder mehreren Tausend Gästen macht es einen erheblichen Unterschied, welche Lebensmittel eingekauft und wie sie verarbeitet werden. Vegetarische oder vegane Konzepte können die Umweltwirkung deutlich reduzieren und je nach Planung sogar kostengünstiger sein.

Wichtig ist, daraus keine Verzichtserzählung zu machen. Ein gutes pflanzliches Gericht muss nicht als Ersatzlösung angekündigt werden. Es kann einfach das beste Gericht auf dem Buffet sein. Wenn Qualität und Geschmack stimmen, muss niemand das Gefühl bekommen, ihm werde etwas weggenommen.

Andrea Matthews: Gibt es in der Eventbranche bereits nachhaltige Lösungen, die nur nicht so genannt werden?

Chris Kaiser: Sehr viele sogar. Künstler organisieren gemeinsame Anreisen, Caterer bündeln Lieferungen und Veranstalter planen Materialien so, dass sie mehrfach eingesetzt werden können. Oft entstehen solche Lösungen zunächst aus praktischen oder wirtschaftlichen Gründen. Und auch Wirtschaftlichkeit ist eine der drei Säulen der Nachhaltigkeit - und zieht in diesem Fall sogar die soziale und ökologische Komponente mit sich.

Der nächste Schritt besteht darin, diese Maßnahmen bewusst zu erfassen, ihre Wirkung zu prüfen und erfolgreiche Lösungen zu wiederholen. Nicht alles muss neu erfunden werden. Häufig lohnt es sich zuerst anzusehen, was bereits gut funktioniert.

„Lieber klein anfangen als auf die perfekte Lösung warten“

Andrea Matthews: Was ist dein wichtigster Rat für Veranstalter, die jetzt nachhaltiger handeln möchten?

Chris Kaiser: Wählt einen kleinen Schritt, den ihr bei der nächsten Veranstaltung tatsächlich umsetzen könnt. Er darf überschaubar und korrigierbar sein. Probiert ihn aus, sammelt Erfahrungen und entwickelt ihn danach weiter.

Wir warten bei Nachhaltigkeit viel zu oft auf die perfekte Lösung. Die gibt es in der Praxis selten. Ein umgesetzter erster Schritt bringt mehr als ein umfassendes Konzept, das monatelang in einer Schublade liegt. Entscheidend ist, anzufangen und ehrlich darüber zu sprechen, wo man gerade steht.

Es beginnt mit kleinen Veränderungen

Nachhaltige Events beginnen nicht mit einem perfekten Siegel oder dem größtmöglichen Klimaversprechen. Sie beginnen mit einer konkreten Entscheidung. Das kann ein neues Cateringkonzept sein, eine besser koordinierte Logistik, mehr Wertschätzung für das Veranstaltungsteam oder die Unterstützung eines nachvollziehbaren Pflanzprojekts.

Der Baum als älteste Eventlocation passt deshalb auch am Ende des Gesprächs: Er entsteht nicht an einem Tag. Er wächst Schritt für Schritt. Genau diese Haltung kann Veranstaltern helfen, Nachhaltigkeit nicht als unerreichbares Ideal zu betrachten, sondern als Entwicklung, mit der sie heute beginnen können.

Über Chris Kaiser

Chris Kaiser ist Gründer und CEO von Click A Tree. Das Unternehmen entwickelt Nachhaltigkeitslösungen für Unternehmen und verbindet ökologische Projekte mit sozialen sowie wirtschaftlichen Ansätzen. Click A Tree ist seit März 2023 als B Corp zertifiziert.


Ein Beitrag von
Andrea Matthews

Andrea Matthews ist als SEO- und Content-Managerin tätig und spezialisiert auf Suchmaschinenoptimierung, strategische Content-Entwicklung und Nachhaltigkeit in der Eventbranche. Seit mehreren Jahren beschäftigt sie sich mit digitaler Sichtbarkeit, redaktionellen Formaten und aktuellen Entwicklungen rund um Veranstaltungen und nachhaltige Konzepte. Für unseren Blog schreibt sie insbesondere über Eventtrends, Nachhaltigkeit, Kommunikation und Online-Marketing. Dabei verbindet Andrea fundierte SEO- und Content-Expertise mit einem praxisnahen Blick auf die Herausforderungen und Chancen der Veranstaltungsbranche.

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